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Sportliche KarriereEdit

Als am 26. August vorigen Jahres unsere Olympia-Mannschaft - zum erstenmal souverän und gleichberechtigt - in das Münchener Olympiastadium einmarschierte, sah man unter den lachenden und winkenden Athletinnen unserer Republik mit Sylvia Schäfer nicht nur die jüngste Teilnehmerin unseres Aufgebotes, sondern auch die erste Olympiateilnehmerin unseres Kreises.


Sylvias kontinuierlicher Entwicklungsgang zur DDR-Turnerin spiegelt ein Stück Sportentwicklung unserer sozialistischen Gesellschaft wider. Als Sylvia am 18. Juni 1956 in Dingelstädt geboren wurde, hatte wenige Monate vorher der Klingenthaler Harry Glaß als erster Sportler der DDR in der sogenannten „gesamtdeutschen“ Mannschaft während der olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo eine Bronzemedaille im Spezialsprunglauf errungen, während Wolfgang Behrendt noch für die erste Goldmedaille der DDR (im Boxen) trainierte.


Bereits in der 1. Klasse der POS II (der heutigen Makarenko-Oberschule) ihres Heimatortes begann Sylvia mit dem systematischen Turnen. Unter der Leitung des über die thüringischen Bezirke hinaus bekannten Turnlehrers Willi Körner, der frühzeitig die große Veranlagung des Mädchens erkannte, wurde ihr Talent von Jahr zu Jahr gefördert. Gleichzeitig ar sie in ihren schulischen Leistungen Vorbild für ihre Klasse.

Ein Jahr später, im zweiten Schuljahr, wurde Sylvia in die Kinderklasse I eingestuft, das ist die höchste Klasse im Turnen bis zu 14 Jahren und berechtigt zur Teilnahme an Kreis-, Bezirks- und DDR-Meisterschaften. Ihr erster Start während der Kreismeisterschaften 1965 war sofort von Erfolg gekrönt: Unter 24 Teilnehmerinnen belegte sie im Sechskampf (vier Pflicht-: Balken, Boden, Sprung und Stufenbarren, zwei Kürübungen: Balken und Boden) mit 58,20 Punkten den ersten Platz und erkämpfte sich somit den Kreismeistertitel. Ebenso war die Teilnahme an den Bezirksmeisterschaften für sie ein erster Triumph. Sie belegte in der Einzelplazierung den 7. und mit der Mannschaft einen hervorragenden 2. Platz. Deshalb wurde die neunjährige Schülerin in die Bezirksauswahl aufgenommen und stellte hier beim Ausscheid zwischen den Bezirken Erfurt und Suhl (3. Platz) und während der Deutschen Meisterschaften in Berlin ihr hervorragendes Können unter Beweis. Das nun folgende Jahr nutzte ihr Trainer, Willi Körner, zum Ausbau ihres Talents.


Die Früchte dieser eifrigen und ausdauernden Arbeit ernteten beide im Wettkampfjahr 1966. Es gelang Sylvia wieder, mit 54,30 Punkten den Kreismeistertitel zu erlangen. Größer noch wurde ihr Fleiß während der Bezirksmeisterschaften belohnt. Auf Anhieb erreichte sie in Eisenach während der Einzelmeisterschaften den Titel eines Bezirksvizemeisters (55.60 Punkte). Wenige Wochen später gelang ihr zu den Mannschaftsmeisterschaften in Waltershausen der Sprung auf den 1. Platz (54,40 Punkte) in den Einzelergebnissen, während sie mit ihren Sportsfreundinnen Sabine Grosser, Gisela Born, Karola Zinke und Hildegard Nolte Vize-Mannschafts-Meister hinter der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) Erfurt wurde.


Noch besser wurde ihr Können anläßlich des Pokalwettkampfs des BFA (Bezirksfachausschuss) Erfurt und Gotha demonstriert. Nach einem spannenden Wettkampf ging Sylvia Schäfer mit 0,3 Punkten Vorsprung als Siegerin hervor und konnte den schönen Kristallpokal auf dem Siegerpodest in Empfang nehmen. Beendet wurde dieses Wettkampfjahr mit den DDR-Meisterschaften in Berlin. In der Bezirksauswahl Erfurt starteten von fünf Mädchen drei aus Dingelstädt, und zwar Sylvia Schäfer, Sabine Grosser und Gisela Born. Diese Mannschaft nahm bei Teilnahme aller KJS und SC (Sportclub) bis zum 3. Gerät den 3. Platz ein. Erst Fehlentscheidungen eines Kampfgerichts (das dann abgelöst wurde) brachten sie um einen schönen Erfolg.


Den Höhepunkt der Sportlaufbahn in Dingelstädt brachte das folgende Jahr 1967. Unter der geschickten Leitung ihres Trainers W. Körner errang sie Erfolge im Turnsport, wie sie bis dahin noch keinem Sportler in dieser Disziplin im Bezirk Erfurt gelangen. Sie konnte bei allen Meisterschaften, an denen sie teilnahm, Meisterehrungen gewinnen. So wurde die 11-jährige Sylvia mit 55,40 Punkten Sieger der Kreismeisterschaften im Sechskampf, bekam Gold während der Kreisspartakiade am 24./25.6.1967 in der Einzelwertung (55,90 Punkte) des Sechskampfes, wurde Erste (55,85 Pkt.) während der Bezirks-Einzelmeisterschaft in Waltershausen, dabei erreichte sie in der Disziplin Sprung den 2. (17,60 Pkt.), Boden (18,575 Pkt.) den 1., Stufenbarren den 1. (19,50 Pkt.) und auf dem Schwebebalken den 1. Platz (18,875 Pkt.). Perfekt wurde dieser Triumph durch den 2. und 3. Platz, der ebenfalls nach Dingelstädt ging, und zwar an Gisela Born (53,95 Pkt.) und Sabine Grosser (53,60 Pkt.).


Die beste Bestätigung ihres hervorragenden Könnens gab Sylvia während der II. Bezirksspartakiade in Erfurt. Hier holte sie alle sechs möglichen Goldmedaillen, nämlich in der Mannschaft, als Einzelsieger(57,80 Pkt.) von 30 Teilnehmern und in den Disziplinen: Boden (19,625 Pkt.), Balken (19,275 Pkt.), Sprung (19,000 Pkt.) und Stufenbarren (18,950 Pkt.). Dass diese ausgezeichneten Leistungen nicht Zufall, sondern Ergebnis fleißigen Trainings waren, bewies sie während der Ausscheidungskämpfe für den Pokal der Kinderklasse I in Heiligenstadt. Mit 55,75 Pkt. konnte die elfjährige Traktor-Sportlerin zum zweitenmal den wertvollen Kristallpokal in die Unstrutstadt entführen.


Diese großen Erfolge gaben den letzten Ausschlag für ihre Delegierung zur Kinder- und Jugend-Sportschule und zum SC Leipzig. Ihr Trainer selbst reichte unter dem 30.12.1966 an den Turntrainer der DHfK, Gerd Wendt, den Antrag zur Delegierung ein. Selbstlos erkannten die Leitung der BSG Traktor und ihr Übungsleiter, dass Sylvias Anlagen für den Turnsport nur an einer höheren Ausbildungsstätte unserer Republik weiter gefördert werden konnten. Mit sehr guten sportlichen und schulischen Leistungen, sie hatte nur Einsen und Zweien auf ihrem Zeugnis, begann sie am 1. September 1967 ihr Training beim SC Leipzig. Auch hier erfüllte sie alle Hoffnungen, indem sie unter der Leitung der Trainer Frau Marotzke und Herrn Wendt in knapp zwei Jahren über die Jugendklasse II und I zur Meisterklasse „emporturnte“. So wurde Sylvia im DDR-offenen Überprüfungsturnen der Kinderklasse I am 7. Juli 1968 in Halle-Neustadt mit 37,050 Pkt. Vierte. Gleichzeitig zeigte sie beständig gute schulische Leistungen. Besonders die Leistungen unserer Turnerinnen, unter ihnen einige ihrer Clubkameradinnen, während der Olympischen Spiele in Mexico werden zu dieser gewaltigen Entwicklung beigetragen haben.


Das folgende Jahr 1969 wurde für die dreizehnjährige Schülerin ein erneutes Jahr der großen Erfolge. In mehreren Bewährungsproben konnte sie auf internationalem Parkett ihre ausgezeichneten Leistungen unter Beweis stellen. Zweimal erhielt sie die ehrenvolle Berufung in die Nationalmannschaft der Juniorinnen: Am 17. Mai in Aschersleben, wo sie im Vergleichskampf gegen die VR Polen mit 35,55 Pkt. den 2. Platz in der Einzelwertung des Kür-Vierkampfes belegte, und am 28. Juni in Guben gegen die Sowjetunion; hier konnte sie mit 37,20 Pkt. einen achtbaren 5. Platz erkämpfen. Beim „Turnier der olympischen Hoffnungen“ der sozialistischen Länder vom 25. bis 27. August in Moskau gehörte sie der DDR-Riege an, die den 3. Platz unter 10 teilnehmenden Mannschaften erkämpfen konnte. Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn wurde aber der Einzelsieg mit 37,85 Pkt. beim Clubvergleichskampf zwischen dem SC Leipzig und Honved Budapest. Anschließend startete sie bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Schwerin und erreichte im Achtkampf den 4. (72,45 Pkt.), beim Bodenturnen den 2. (18,75 Pkt.) und am Stufenbarren den 3. Platz (18,425 Pkt.). Daraufhin, in die Meisterklasse eingestuft, hatte Sylvia das Recht, an den Deutschen Meisterschaften teilzunehmen. Generalprobe hierfür war der Vergleichskampf zwischen dem SC Leipzig und einer sowjetischen Gewerkschaftsauswahl, bei dem sie mit 73,55 Pkt. den 6. Platz erreichte. Den Abschluß dieser Erfolgsserie bildete ihr 10. Platz (70,20 Pkt.), den sie als jüngste Teilnehmerin bei den Deutschen Meisterschaften in der Dynamohalle von Berlin-Hohenschönhausen belegte.


Als Dank für die vorbildliche Trainingsarbeit in der SGG und BSG Traktor Dingelstädt weilte im Dezember 1969 eine Juniorinnenriege des SC Leipzig zu einem Schauturnen in der Unstrutstadt. Hier hatten die Turnfreude Gelegenheit, sich mit verantwortlichen Trainern des SC über ihren Schützling zu unterhalten: Sportfreund Wendt äußerte über Sylvia: „Sylvia ist ein großes Talent. Sie gehört zu den vielversprechendsten Nachwuchsturnerinnen in der Republik. Sie hat begründete Aussichten, Olympiateilnehmerin 1972 zu werden. In diesem Zusammenhang muss die ausgezeichnete Vorarbeit erwähnt werden, die ihr ehemaliger Trainer Willi Körner geleistet hat. Das betrifft sowohl die sportliche als auch die erzieherische Seite.


Auch im folgenden Jahr 1970 wurde Sylvias fleißige Trainingsarbeit mit beachtlichen Erfolgen belohnt. Jetzt, in der höchsten Klasse turnend, gegen international erfahrene Turnerinnen kämpfend, war jede Berufung in die DDR-Nationalmannschaft der Lohn für viele „saure Wochen“. So vertrat sie im Länderkampf der Frauen DDR-Schweden am 25./26. April 1970 in Landskrona zum erstenmal im Nationaltrikot unsere Republik und errang, knapp vierzehnjährig, mit 72,85 Pkt. den 8. Platz. Wenige Tage später belegte sie als jüngste Teilnehmerin im Länderkampf Frauen DDR-UdSSR (vom 30. April bis 3. Mai 1970) in Schwein mit 72,10 Pkt. einen 10. Platz. So auf internationalem Parkett vorbereitet, gelang es ihr, während der Mehrkampfmeisterschaften der DDR im Geräteturnen der Frauen am 23.6.1970 in Rostock wiederum den 10. Platz (mit 73,05 Pkt.) und innerhalb des SC Leipzig den 2. Platz zu „erturnen“. Beendet wurde dieses Turnjahr mit dem 14. Platz beim DDR-offenen Wettkampf der Frauen-Meisterklasse am 7. und 8. November 1970 in Bad Liebenwerda.


Hartes Training im SC und fleißige Lernarbeit in der Schule kennzeichneten die Wintermonate 1970/71, denn Sylvia hatte berechtigte Hoffnungen, in die nähere Auswahl als Olympiakader zu kommen. Ihre Wettkampfergebnisse 1971 gaben dem Trainerrat der DDR recht, sie in die Olympiakader aufzunehmen. So belegte sie als beste Turnerin der DDR zu den Jugendwettkämpfen der Freundschaft am 22./23. August in Katowice im Vierkampf mit 37.20 Pkt. den 5. Rang. Ebenso gelang es ihr, während der DDR-Meisterschaften der Frauen vom 12. bis 14. November 1971 in Cottbus in der Gesamtwertung mit 74,15 Pkt. den 5. Platz einzunehmen. Noch größer wurde ihr Triumph am Schwebebalken. Hier konnte sie mit 18,975 Pkt. als jüngste Teilnehmerin nach Karin Janz den Titel als DDR-Vizemeisterin erringen. Verständlich war deshalb der Jubel, mit dem sie und ihre Clubkameradinnen in Dingelstädt im Dezember 1971 zu einem nunmehr zweiten Schauturnen empfangen wurden. Die hier gezeigten Leistungen an den Geräten rissen die Zuschauer immer wieder zu einem Sonderapplaus hin.


Auf Grund ihrer Nominierung zum Olympiakader galt es, das erste Halbjahr 1972 zum intensiven Training zu nutzen. Obwohl sie als Ersatzturnerin aufgestellt war, mußte Sylvia neben ihrer schulischen Tätigkeit das gesamte olympische Pflichtprogramm beherrschen und ein mit den Trainern abgestimmtes Kürprogramm erarbeiten. Wieviele Tropfen Schweiß, wieviele Stunden harten Trainings zu einer perfekten Übung, wie sie uns in München gezeigt wurden, gehören, kann nur der Fachmann schätzen, nur der, der selber einmal sich aktiv mit dieser schönen Sportart beschäftigt hat. Das Olympiajahr brachte für die Wettkämpfe einen neuen Austragungsmodus mit dem zusätzlichen Mehrkampffinale. Die Turner und Turnerinnen hatten jetzt eine zweite Kür zu absolvieren, die - laut Regelung durch die FIG (Internationaler Turnverband) - der getrennten Ermittlung der Mannschafts- und Einzelsieger dient.


So wurden zum erstenmal die DDR-Meisterschaften nach den neuen Bedingungen für die Zeit vom 19. bis 22. April 1972 nach Gera ausgeschrieben. Gleichzeitig sollte hier endgültig über die zehn Aktiven der Männer- und Frauenmannschaft unserer Republik für die XX. Olympischen Sommerspiele in München entschieden werden. Sylvia belegte diesmal unter den erschwerten Bedingungen - wiederum als jüngste Teilnehmerin - in der Gesamtwertung mit 74,875 Pkt. den 7. Platz und in den Gerätefinalen Balken den 4. und Boden den 5. Platz. Lobend wurden ihre Übungen nicht nur von der gesamten DDR-Presse hervorgehoben, sondern sie erntete das hohe Lob der sowjetischen Cheftrainerin Larissa Latynina, die sagte: „Ihr liest man die Begeisterung für das Turnen aus dem Gesicht ab. Diese Sylvia Schäfer wird ganz bestimmt auch beim kommenden Rigaer Turnier gefallen.


Sylvia enttäuschte mit ihrem 7. Platz in der Gesamtwertung und als Drittbeste DDR-Turnerin weder ihre Trainer. Roselore Sonntag und Helmut Gerschau, noch die Zuschauer auf dem Internationalen Turnier vom 23. bis 27. April 1972 in Riga. Diese internationalen Erfahrungen wurden in den wenigen Wochen bis zu den Olympischen Spielen in systematischer Trainingsarbeit ausgewertet, bis schließlich mit dem Einmarsch der DDR-Olympiamannschaft im Münchener Stadion für Sylvia Schäfer sicherlich ein persönlicher Höhepunkt erreicht wurde. Wenn sie hier ihren Vorbildern Erika Zuchold unf Karin Janz während der Wettkämpfe auch nur die Daumen drücken und nicht nacheifern durfte, war allein das „Dabeisein“ für sie von großer Wichtigkeit. Als Olympiateilnehmerin ist sie bereits, ohne an Ausscheidungskämpfen teilnehmen zu müssen, fest für die Weltmeisterschaft 1974 nominiert und Kader für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal/Kanada.


Dass sie dabei große Chancen hat, bestätigte ihr Trainer, Sportfreund Gerschau, im Dezember 1972, als - nun schon traditionsgemäß - eine Mannschaft des SC Leipzig in Dingelstädt weilte, indem er im Gespräch äußerte, dass Sylvia Schäfer nach dem Abgang von E. Zuchold die beste Turnerin des SC sei. Wünschen wir Sylvia nun, dass sie in Zukunft genauso begeistert vom Turnen wie vom Lernen ist und in drei Jahren die erste Olympiamedaillengewinnerin unseres Kreises und unserer Stadt wird.[1]

PrivatesEdit

Sylvia Schäfer gehört zur Eichsfeld-Linie. Sie war verheiratet und hat 2 Kinder.[2] Sie ist heute als Sportlehrerin in Dingelstädt tätig. [3]

QuellenhinweisEdit

Der o.g. Text wurde nahezu wortwörtlich aus den 'Eichsfelder Heimatheften' übernommern. Lediglich die Rechtschreibung wurde an die neuen Regeln angepasst. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung vom Autor des Artikels Elmar Golland liegt vor.

Einzelnachweise Edit

  1. Elmar Golland, Eichsfelder Heimathefte (01/1973)
  2. Aussage von Christoph Hütcher
  3. Aussage von Manfred Ziegenfuß
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